MARTA-PRESS

Frauen im Zusammenhang mit Art Brut / Outsider Art (Insider Art)


Zu Art Brut / Outsider Art werden ganz allgemein künstlerische Werke von psychisch kranken Menschen, gesellschaftlichen AußenseiterInnen und Laiinnen und Laien gezählt. 

Bei der Beschäftigung mit Frauen im Zusammenhang mit Art Brut / Outsider Art stoße ich auf Widersprüche: Ist die Bezeichnung Art Brut / Outsider Art nicht auch schon wieder ein Stigma?
Müsste es, wenn überhaupt, nicht richtiger Insider Art heißen?
Outsider Art würde aus der Perspektive passend sein, wenn "der Kunstmarkt", die "Normalität" das Maß für Kunst wären.
Insider Art würde aus der Perspektive passen, da es um Frauen (und Männer) geht, die "drinne" waren/ sind: in Psychiatrien, in Krisen, tief in sich selbst - und vor allem, nie außerhalb der Gesellschaft waren/ sind, sondern stets Teil derselben. Vielleicht begrenzt durch gesellschaftliche Normierungen und Zuschreibungen. Häufig gescheitert an gesellschaftlichen, frauenfeindlichen (Beziehungs-)Strukturen, in denen sie unangepasst auffielen oder denen sie sich - auf ihre eigene Art - widersetzten.
Waren manche ihrer psychischen Krankheiten nicht normale (Traumatisierungs-)Folgen, gute Bewältigungsstrategien von unpassenden Lebensbedingungen oder gar (gesellschaftlich leider nicht anerkannte) Widerstandsformen?

Art Brut oder Outsider / Insider Art sollte m. E. so verstanden werden, dass die Künstlerinnen und Künstler es durch ihre fehlenden Bildungszugänge, psychischen und/oder geistigen und/oder körperlichen Beeinträchtigungen und deren Folgen (fehlende geeignete Räumlichkeiten, fehlendes Geld für Materialien, fehlende oder andere Kommunikations- und Vernetzungsstrukturen usw.) viel schwerer hatten, für ihre Kunst eine gebührende gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen. 



Ära Null

Hier gibt es m. W. nach bislang noch keine entdeckten Bilder, Werke, Zeugnisse und Dokumentationen. Psychisch Kranke und geistig und/oder körperlich Behinderte waren rechtlos. Sie wurden weggesperrt und von der Gesellschaft isoliert oder als Exotikum benutzt.


Ära Eins = Um 1900 bis ca. 1950er Jahre

Die Grenze, wenn man denn unbedingt eine ziehen will, zwischen Künstlerinnen mit psychischen Problemen und psychisch kranken Frauen, die Kunst machen, ist fließend.
Ein Unterscheidungsmerkmal wäre, das Frauen wie Camille Claudel (1864-1943), Olga Oppenheimer (1886-1941 ermordet), Ida Sofia Maly (1894-1941 ermordet), Elfriede Lohse-Wächtler (1899-1940 ermordet) und Hildegard Seemann-Welcher (1903-1940 ermordet) bereits künstlerisch tätig waren, bevor sie in psychische Krisen und Krankheiten kamen. Während die meisten Vertreterinnen, die bislang offiziell der Art Brut zugerechnet werden, erst nach oder durch ihre psychischen Krisen und Krankheiten zum künstlerischen Ausdruck fanden. Sie waren ursprünglich von Beruf Stickerin, Seidenknüpfarbeiterin, Kellnerin, Aushilfe, Prostituierte, Fabrikarbeiterin, Dienstmädchen, Kindergärtnerin, Sekretärin, Schneiderin, Näherin, Studentin, Bäuerin, ungelernt oder Tochter bzw. Gattin "aus gutem Hause". 
Durch ungünstige Startbedingungen (unehelich geboren; psychische Krankheiten in der Familie), gesellschaftliche benachteiligte Bedingungen (uneheliche Mutterschaft; schwierige Vereinbarkeit von Mutterschaft, Erwerbstätigkeit und Selbstverwirklichung) und/oder traumatische Erlebnisse (früher Verlust eines Elternteiles, unglückliche Ehen, Todesfälle unter den eigenen Kindern), Überforderungen, Grenzerfahrungen und gewalttätige Übergriffe kam es bei ihnen zu psychischen Reaktionen und Symptomen wie Halluzinationen, paranoiden Zustände, Angststörungen, Schlafstörungen, Schwindelanfälle, psychosomatischen Beschwerden, Tobsuchtsanfällen, Essstörungen, selbstverletzendem Verhalten und Suizidalität. Doch auch ganz normale Verhaltensweisen (berechtigte Kritik an den Zuständen in den Heil- und Pflegeanstalten und Kliniken sowie an den Behandlungen; Burschikosität; Eigenwilligkeit; Ehelosigkeit; Kritik an sexueller Belästigung usw.) wurden zur damaligen Zeit bei den Frauen pathologisiert.
Bezeichnet wurden diese Frauen als Patientinnen mit Schwachsinn, Schizophrenie, Hysterie oder Idiotie.
"Behandelt" wurden sie in dieser Ära, je nach Klassenzugehörigkeit, durch Dauerbäder, Arretierungen am Bett, Hausarbeit und Arbeit in Nähstuben.
Später waren das Eisbad und die Insulinschocktherapie angewandte Behandlungsmethoden.
Ab Anfang der 1940er Jahre gab es in Deutschland eine Umstellung auf die Elektrokrampftherapie („Elektroschocks“).
Teils wurden die Frauen entmündigt, enterbt und im Nationalsozialismus zwangssterilisiert und/oder ermordet (vergast).
Mit dem heutigen psychiatrischen Wissen würden ihre Krankheitsbilder von damals wahrscheinlich (postnatale) Depressionen, Schizophrenie, Autismus, Epilepsie, Psychosen, (Chronische, komplexe) Posttraumatische Belastungsstörungen, Persönlichkeitsstörungen wie Borderline oder dissoziative Störungen lauten.  


Von 
1934 bis 1945 wurden im nationalsozialistischen Deutschland "Nervenheilanstalten" und "Irrenanstalten" als „Heil- und Pflegeanstalten“ bezeichnet.
Zwischen 1934 und 1945 sind mindestens 350.000 Frauen und Männer aufgrund des NS-"Erbgesundheitsgesetzes" zwangsweise sterilisiert worden. Tausende Menschen sind an den Folgen dieser Operationen gestorben. Mindestens 250.000 kranke und behinderte Menschen sind vergast, vergiftet, erschossen, erschlagen oder durch den Entzug von Nahrung, Fürsorge und Pflege ermordet worden. Hierbei waren die später so bezeichneten "T4-Aktionen" zur systematischen, zentral gesteuerten Ermordung von mehr als 70.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen in den Jahren 1940 und 1941 maßgeblich. Ab 1942 wurde das Töten dezentral fortgesetzt.  
Am 31. Juli 1940 wurde die aus Löbtau stammende Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in der Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein vergast.
Die aus Dresden stammende Malerin Hildegard Seemann-Welcher wurde 1940 in der Nervenheilanstalt Greifstein / Württemberg ermordet.
Die österreichische Malerin Ida Sofia Maly wurde am 20. Februar 1941 in der NS-Tötungsanstalt Hartheim in Oberösterreich vergast. 
Die aus Köln stammende Malerin und Grafikerin Olga Oppenheimer wurde am 04. Juli 1941 im Konzentrationslager Majdanek ermordet.

 
       
  In dem Band "Irre ist weiblich. Künstlerische Interventionen von Frauen in der Psychiatrie um 1900" aus dem Jahr 2004 werden die damaligen psychiatrischen Bedingungen beschrieben und 58 Frauen porträtiert, deren Werke sich in der Sammlung Prinzhorn befinden, darunter Agnes Richter (Galerie), Barbara Suckfüll (Galerie), Frau St. (Galerie) und Maria Lieb (Galerie).
Das Cover zeigt ein Selbstporträt von Hedwig von Steinitz mit 25 Jahren (1918).    
 
       
    Monika Ankele zeigt in ihrem 2009 erschienen Band "Alltag und Aneignung in Psychiatrien um 1900" Selbstzeugnisse von Frauen aus der Sammlung Prinzhorn. 
Das Cover ziert eine Zeichnung von Eugenie P. (Klinikaufenthalt in der Schweiz 1918).
 
       
 

Die Ausgabe Mai 2013 der feministischen Zeitschrift an.schläge thematisiert "Psychiatrie & Geschlecht" und zeigt auf ihrem Cover das bekannte Werk von Agnes Richter: die von ihr mit einer Stickschrift versehene individualisierte Anstaltsjacke.   

 




Ära Zwei = 1960er bis 1980er Jahre


Die deutsche Künstlerin Lea Grundig (1906-1977) war als junge Frau in der Psychiatrie, allerdings ließ ihr Vater sie einweisen und dies vielleicht aus fadenscheinigen Gründen.
Künstlerinnen wie die Mexikanerin Frida Kahlo (1907-1954), die französisch-schweizerische Niki de Saint Phalle (1930-2002) und die US-Amerikanerin mit deutsch-jüdischer Herkunft Eva Hesse (1936-1970) wählten relativ jung nach ihren erlittenen Traumata die Kunst als Überlebens- und Bearbeitungsstrategie. Offiziell werden diese Frauen jedoch (noch?) nicht zu Art Brut gezählt. Vermutlich, weil ihnen (wieder) eine Zugehörigkeit zur Gesellschaft gelang und sie der Öffentlichkeit und dem Kunstmarkt (wieder) zur Verfügung standen.
Zu den Künstlerinnen dieser Ära zählen Unica Zürn (1916-1970 durch Suizid) und die in der DDR aufgewachsene Sonja Gerstner (1952-1971 durch Suizid). 

In den 1950/60er Jahren wurden Neuroleptika (Psychopharmaka-Medikamente) eingeführt.
Die Behandlung in einer psychiatrischen Klinik war in dieser Zeit und davor oft durch isolierte, teils lebenslange Verwahrung, Überbelegung, Schlafsäle, fehlende Privatsphäre, Langzeitmedikationen, fehlende therapeutische Behandlungen, mangelndes qualifiziertes Personal und fehlende Rehabilitierung gekennzeichnet.  
Zwischen 1955 und 1975 kam es zu mehreren politischen und sozialen Bewegungen, die bis heute eine kritische bis ablehnende Haltung gegenüber der Psychiatrie einnehmen (Stichworte: Antipsychiatriebewegung, Weglaufhäuser). 
Seit Beginn der 1970er Jahre gab es in verschiedenen Ländern Westeuropas und Nordamerikas Bemühungen und Aktivitäten, die psychiatrischen Strukturen zu reformieren (Stichwort: Sozialpsychiatrie).
In
Westdeutschland legte im Oktober 1973 eine Sachverständigenkommission einen Zwischenbericht vor, der schwerwiegende Mängel bei der Versorgung psychisch Kranker offenbarte. In ihm wurde festgestellt, dass „eine sehr große Anzahl psychisch Kranker und Behinderter in den stationären Einrichtungen unter elenden, zum Teil als menschenunwürdig zu bezeichnenden Umständen leben müssen.“ Er wurden „Sofortmaßnahmen zur Befriedigung humaner Grundbedürfnisse“ gefordert. Die psychiatrische Krankenversorgung sei "grundsätzlich ein Teil der allgemeinen Medizin. Demgemäß muß das System der psychiatrischen Versorgung in das bestehende System der allgemeinen Gesundheitsvorsorge und -fürsorge integriert werden. Dem seelisch Kranken muß prinzipiell mit dem gleichen Wege wie dem körperlich Kranken optimale Hilfe unter Anwendung aller Möglichkeiten ärztlichen, psychologischen und sozialen Wissens gewährleistet werden.“ (Zitat aus der Psychiatrie-Enquete). 
In der DDR setzten sich Umstrukturierungen erst später durch. Zu dieser Zeit gab es auf den geschlossen Stationen der Nervenklinken noch Isolierung im Bunker, Spritzen, Elektro- und Insulinschockbehandlungen.


Ära Drei = Gegenwart 

Diese Ära profitiert von wichtigen Reformergebnissen: es gibt eine "Lobby für Psychiatrie-Erfahrene", Organisationen von und für Psychiatrie-Erfahrene(n) und Angehörige(n), verstärktes Allgemeinwissen über psychische Erkrankungen in der Gesellschaft und die konstruktive Wandlung von "Betroffenen-Wissen" in "ExpertInnen-Wissen". Nicht zuletzt begünstigt durch neue Kommunikationsmöglichkeiten wie das Internet.
Psychiatrie wird als "Dienstleisterin" und als ein Baustein zur Behandlung und Heilung einer psychischen Erkrankung gesehen. 
Zugleich verweisen Kritikerinnen weiterhin zu Recht auf die Psychiatrie als trennende, ordnungsschaffende, totalitäre und machtvolle Instanz und auf fortbestehende strukturelle Hierarchien (Zwangsaufenthalte, Zwangsbehandlungen, Ignorierung von selbstbestimmten Patientinnen usw.) hin. Insbesondere gibt es in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft auch nach Psychiatrieaufenthalten in gesellschaftlichen Bereichen wie Recht (Strafrecht, Zivilrecht, z. B. in der juristischen Behandlung von Opfern in der Gesetzgebung sowie in Verfahren gemäß dem Opferentschädigungsgesetz) oder Bildung/ Arbeit/ Wohnen (Rehabilitierung; Autonomie) Auswirkungen zu Ungunsten der psychiatrieerfahrenen Menschen.
 
In der Gegenwart haben sich die Bereiche der Art Brut weiter ausdifferenziert: Neben der Kunst von Laiinnen und Laien und der Kunst von geistig/körperlich behinderten Menschen (oft als Angestellte in Werkstätten erstellt oder als Freizeitangebot wahrgenommen) gibt es Kunst als Bearbeitungsmöglichkeit und Bewältigungsstrategie erlittener Traumata. Diese wird innerhalb privater Räume, aber auch in regionalen Gruppierungen erstellt oder ist Teil eines ganzheitlichen Therapiekonzeptes (z. B. als Kunst- und Gestalttherapie) mit dem Stichwort ressourcenorientierte Arbeit. 
Mittlerweile bewegt sich die Akzeptanz künstlerischer Betätigung geistig und / oder psychisch erkrankter/ benachteiligter/ gehandicapter Menschen zwischen Entdeckung und Kommerz.
Als positiv zu bewerten sind die am Entstehen und im Ausbau befindlichen Kunstsammlungen (von Privatpersonen oder von Psychiatrieeinrichtungen), die jenseits von LiebhaberInnen und Kunstmarkt eine dokumentarisch wichtige Funktion innehaben, sowie die Personen und Institutionen, die sich den Ausstellungen, der Vernetzung und der Publizität dieser Kunst verschrieben haben und die die Autonomie der noch lebenden Künstlerinnen und Künstler gezielt stärken wollen.
Zu dieser Ära zählen viele Künstlerinnen, als Beispiele seien die Schweizerin Ida Buchmann (1911-2001) und die Österreicherin Laila Bachtiar (1971-) namentlich genannt. 




Links:

- Rezeption der Kunst von Außenseitern im Wandel der Zeit, Turhan Demirel, 2011 klick

- Art Brut Revisited, Turhan Demirel, 2011 klick

- Außenseiterkunst zwischen Anerkennung und Ausgrenzung, Turhan Demirel, 2010 klick

- Gegenwartskunst und Psychiatrie, Dr. Kristina Hoge, 2009 klick 

- Neueröffnung der "Prinzhornsammlung", 2001 klick.


© 2013-05-06, www.marta-press.de

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