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Kaum Frauen auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis

Hilft nur eine Quote für die Einreichungen der Verlage und die Nominierungen für den Deutschen Buchpreis?
Die meisten Werke der diesjährigen Longlist stammen wieder von weißen, männlichen Autoren.
Artikel:
Auch in der Literatur ist ein #aufschrei fällig von Dana Buchzik
Wie mich der Sexismus im Literaturbetrieb zermürbt von Deborah Kogan
Der Buchpreis ist keine Geschlechtsumwandlung wert von Marlena Streeruwitz  

"Ich-AG`s" und "Selbstoptimierung" in der Sexindustrie

Am 09.08.2014 konnte das Verlagsteam an der dreitägigen Konferenz "Fantasies that matter: Images of Sexwork in Media and Art" in Hamburg teilnehmen. So waren wir bei der Autorin Laura Maria Agustin und teilweise bei der darauf folgenden Veranstaltung mit rechtlichen Aspekten dabei. Beide Veranstaltungen wurden jeweils von ca. einhundert Menschen besucht, darunter viele Prostituierte und Dominas aus USA, Irland, Österreich und der Schweiz. Die KonferenzteilnehmerInnen mussten englisch kommunizieren können, Übersetzungen gab es nicht. Die Körber-Stiftung unterstützte die Tagung.
Hauptmessage des Vortrages von Agustin: Als selbstbestimmte Frauen wollen und sollen die Frauen, die in der Sexindustrie ihr Geld verdienen, wahrgenommen werden. Die Veranstaltung bei Agustin bot kein Diskussionsklima für Zweifel oder Kritik seitens der ZuhörerInnen. Agustin`s Antwort auf eine dezente derartige Frage sinngemäß: "Gibt es nicht auch Menschen hier, die ihren Job auch nicht sonderlich mögen?" Zustimmendes Gelächter durch eine Mehrheit des Publikums.
Aber ich frage, wieviele sexuell ganz unterchiedlich tätige Ich-AG`s werden durch eine Lobby, bestehend aus wenigen Huren, Studio- bzw. Bordellbetreiberinnen, Autorinnen oder Performance-Künstlerinnen, die 2014 leider nur sehr einfache Antworten, diskriminierende oder gar re-produzierende Klischees (um nur eines zu nennen: "Jede Ehefrau, jedes Dienstmädchen... ist eine Prostituierte"  - *ich-muss-gähnen-bei-dieser-alten-1980er-these*) für komplexe vielfältige Themen, die breite Palette an ganz unterschiedlichen "Ich-AG´s" und die für deren Befinden, Scheitern oder Erfolg ausschließlich die individuelle Selbstbestimmung verantwortlich macht. Weiße, nicht-migrierte, gebildete, kinderlose Mittelschichts- oder Gelegenheits-Dominas und die wenigen Studio- bzw. Bordellbetreiberinnen verdienen einigermaßen gut und stehen in den Hierarchien in der Sexindustrie in der Mitte. Die jungen Frauen, die in ihren Herkunftsländern wie Bulgarien, Rumänien, Litauen oder Russland ihre Kind(er) und an ihrem Aufenthaltsaufenthalt in Deutschland ihre Väter, Brüder oder Ehemänner durch Prostitution ernähren (müssen) waren auf dieser Konferenz kein Thema oder kamen in die bequeme "Selbstbestimmungsschublade". Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund und Armutsprostituierte machen aber in der Sexindustrie in Deutschland die Mehrheit zwischen 70 und 80 Prozent aus. Für langjährige (Ex-)Prostituierte, die sich aus ihren "selbst bestimmten", individuellen Erfahrungen heraus gegen Prostitution aussprechen, war dies schon gar kein Forum. Psychisch krank nach dem "Job"? Dann wohl nicht geeignet gewesen oder nicht genug auf Grenzen geachtet, selbst schuld! *Zynismusoff*
Die Selbstbestimmungsschiene entlastet die in der Sexindustrie wenigen privilegiert tätigen Huren und Studio- bzw. Bordellbetreiberinnen, die männlichen Freier und nicht zuletzt das privilegierte, kulturinteressierte Publikum. Vieles scheint - je nach Bedarf - Definitionssache: Gehandelte Frauen der Sexindustrie sind keine "echten Prostituierten", sondern eben "gehandelte Frauen" (und dürften nach dieser Definition auch keine Mitglieder in den einschlägigen "Berufsverbänden" werden). Drogen- und Suchtproblematiken - alles private, individuelle Entscheidungen einzelner, nicht repräsentativer, aber (!) selbst bestimmter Frauen. 
Hierarchien und tatsächliche Machtverhältnisse in der Sexindustrie waren kein Thema bzw. wurden schöngeredet. Das Männer als Freier, als Zuhälter/Begleiter oder als Inhaber von Immobilien, Bordellen, TV-Sendern, Filmproduktionsfirmen, Kontaktagenturen, Sex-Portalen etc. am meisten verdienen und die Rechte von Prostituierten stets aushöhlen wollen - kein Thema. Überlebensstrategien in der Prostitution - kein Thema; Ausstiegsszenarien - kein Thema.  
Mein Fazit: Zum einen kamen "Art und Media" und die Beteiligung des Publikums für mich auf dieser Veranstaltung viel zu kurz. Und für eine  "Intervention in der Prostitutionsdebatte" (so der verkündete Anspruch von "Missy") war mir das zu einseitig. Die hauptsächlich aus den USA angereiste Pro-Prostitutions-Lobby nutzte die Konferenz für ihre Zwecke ausgiebig und wer sich der Pro-Prostitutions-Bewegung zuordnet, war vermutlich zufrieden. 
Für die, denen diese Konferenz auch zu einseitig war oder die, die mehr differenzieren wollen, hier ganz unterschiedliche Aspekte für fundierte Diskussionen: 
- die ARD-Doku Sex - Made in Germany, in der viele Prostituierte & Sexindustrieprofiteure aus Deutschland selbst zu Wort kommen.
- 7 Tage im Bordell Doku aus dem Geizhaus Hamburg (3SAT 2014)
- In dem Buch "Ehrbare Frauen" reden 14 Dominas und Prostituierte über ihr Privatleben, die Prostitution, über ihre Freier, ihr Männerbild, ihre Träume und Finanzen und vieles mehr. 
- Eure Freiwilligkeit kotzt mich an! Kommentar von Marijana Batan
- Survivor Stories
- Freiersblick Gibt Einblick in die Erlebenswelt von Männern die Frauen kaufen.
- Ausgestiegen. Das harte Leben der Ex-Huren (u.a. mit Domenica aus Hamburg)
(JR)

Elfriede Brüning mit 103 Jahren gestorben

Am 05.08.2014 ist die sozialistische Schriftstellerin Elfriede Brüning in Berlin gestorben. Bis ins hohe Alter gab Brüning Lesungen und Interviews. In ihrer Lebensbilanz schrieb sie: "Ich habe vier Staatsformen durchlebt: Als Kind noch das Kaiserreich, als Halbwüchsige die Weimarer Republik, als Erwachsene den Faschismus und danach den versuchten Sozialismus in der DDR. In meiner Jugend träumte ich vom Sozialismus, dessen weltweiten Zusammenbruch ich jetzt im Alter erlebe; und ich finde mich wieder in den Kapitalismus zurückgeworfen. Habe ich meine Träume für immer ausgeträumt? Nein, denn ich weiß, dass die Menschen niemals aufhören werden, nach Mustern zu suchen, die es ermöglichen, die Güter der Erde gerecht zu verteilen. Sie werden immer nach Veränderungen streben ..."
Ihre Autobiographie ist auf ihrer Homepage nachzulesen: http://www.elfriede-bruening.de/biographie/meine-kindheit.html

Liste unabhängiger Verlage in Deutschland

Unseren Verlagsblog wollen wir mit der schönen Nachricht starten, das MARTA PRESS in der Liste "Unabhängige Verlage in Deutschland" verlinkt ist. Die drei MacherInnen Senta Wagner (Wien), Meinolf Reul (Berlin) und Ute Friederich (Bonn) fühlen sich ehrenamtlich dafür zuständig, dass jährlich die besten Bücher unabhängiger Verlage präsentiert und gewählt werden. Da die Bewerbungsfrist für 2014 bereits im Juni war, wird MARTA PRESS ab 2015 mit seinen besten Titeln dabei sein: http://www.hotlist-online.com/die-idee-der-hotlist/

 

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